Kultur und Kommunikation

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Oft wird es nicht einfach, wenn an der Kommunikation Leute aus unterschiedlichen Kulturen, mit unterschiedlichen Hintergründen beteiligt sind. Stellen wir uns folgende Situation vor. Ein Freiwilliger aus Deutschland verbringt gerade seine erste Woche in einem Kinderheim in Tbilisi und will sich mit einem einheimischen Vertreter der Hilfsorganisation besprechen, die ihn eingeladen hat. Der Freiwillige macht sich mit dem Bus aus dem Kinderheim in die Stadt auf. Er plant so, dass er mehr oder weniger pünktlich ist – er kennt seine Schwäche gut, oft kommt er nämlich etwas zu spät. In seiner Kalkulation hat er aber leider nicht die Unwägbarkeiten des hauptstädtischen Verkehrssystems einkalkuliert. Der Trolleybus löst sich von der Oberleitung. Der Fahrer steigt aufs Dach, um die Sache zu beheben. Dafür braucht er ca. 15 Minuten. Im Ergebnis kommt er eine halbe Stunde zu spät. Der georgische Gesprächspartner ist gestresst. Den Vormittag über hat er immer im Hinterkopf, dass er pünktlich um 15:00 Uhr im Café sein muss, denn er hat es ja mit einem Deuschen zu tun. Er plant etwas mehr Zeit ein, denn er möchte nicht gleich am ersten Tag die deutschen Stereotype über Georgien bestätigen. Im Ergebnis ist er zehn Minuten zu früh – und wartet. Nach zehn Minuten wird er ungeduldig, nach zwanzig Minuten ist er verärgert: Nimmt der junge Mann seinen Job überhaupt ernst – oder denkt er, er ist in Georgien im Urlaub? Aufschlussreich wird es , wenn es zur unmittelbaren Kommunikation zwischen den beiden kommt. Wie reagieren sie? Mit einem Scherz: „Ach diese pünktlichen Deutschen!“? Blenden sie es aus? Oder sie gehen auf die Meta-Ebene, um ihre gegenseitigen Erwartungen auszutauschen und den Grund für die Verstimmung zu entdecken.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Kultur – Klasse – Herkunft? Was prägt uns?

Ohne Frage haben wir es hier mit einer sehr unterschiedlichen Interpretation der Situation zu tun. Wenn die beteiligten Personen den Nationalkulturen zugeordnet werden, besteht die Gefahr, dass man schnell in Stereotypisierungen abgleitet wie etwa: Ein Deutscher ist pünktlich, ein Georgier nicht. Dass dieser Interpretationsansatz nicht unbedingt stimmt, zeigt aber unser Beispiel. Wie ist es also mit der Kultur? An unserem Beispiel wird klar, dass Kultur mehr als nur Na-tionalkultur bedeutet. Es gibt Jugendkultur, Betriebskultur, Studentenkultur, Frauen- und Männerkultur, Regionalkultur und viele andere Kulturen und Subkulturen, die unser Denken, Wahrnehmen und Urteilen beeinflussen.

Auch unser Beispiel bildet nicht einfach ein Gespräch zwischen einem Georgier und einem Deutschen ab. Hier treten gleich mehrere „Menschen“ gleichzeitig in den Austausch: Ein junger Mensch mit einem erfahreneren, ein Untergebener und ein Entscheider, zwei Angehörige der gleichen Schicht, Menschen mit gleichen Interessen, zwei Männer ... Kultur ist ein Orientierungssystem: es definiert unsere Zugehörigkeiten, es reguliert unser Verhalten und es strukturiert unsere Wahrnehmung und Deutung der Umgebung. Kultur ist zusammengesetzt aus verschiedenen Schichten und ist dynamisch, d.h. dass sie sich mit der Zeit verändert. Ohne darüber nachzudenken, sagt sie uns, wie wir uns verhalten und kommunizieren sollen und was wir für normal halten sollen.

[Bearbeiten] Transkulturalität

Geschlossene und homogene Nationalkulturen gibt es immer weniger, wer Verhaltenswei-sen danach erklären will, kommt – unser obiges Beispiel zeigt dies – nicht wirklich weiter. Moderne Gesellschaften zeichnen sich vielmehr durch unterschiedliche Lebensformen, die Durchmischung verschiedener Schichten und Einwanderung aus. Dies macht die Definition dessen, was „typisch“ für ein Land ist, immer schwieriger.

Deshalb benutzen einige Wissenschaftler lieber einen „transkulturellen“ Ansatz. Wie der Name sagt, geht Transkultur davon aus, dass sich verschiedene Kulturen wechselseitig durchdringen, Verhaltensweisen und Wertvorstellungen sozusagen „die Seiten wechseln“. Transkultur erweitert damit erheblich die Idee der Interkultur, wo zwei feste Systeme zwar miteinander kommunizieren, aber eben unvermischt nebeneinander bestehen bleiben.

Diese Veränderung des Kulturverständnisses erscheint deshalb notwendig, weil moderne Kulturen zunehmend komplexer werden. Es gibt die wachsende Erkenntnis, dass Lebensstile sich nicht nur über nationale Grenzen hinweg unterscheiden, sondern z.B. auch von Region zu Stadt zu Wohnviertel. Meine Geschwister können, obwohl in einem sehr ähnlichen Bezugssystem aufgewachsen, eine grundlegend andere Vorstellung vom Leben haben als ich. Dagegen ähneln die Tagesabläufe eines chinesischen Bauern denen eines polnischen Bauern vielleicht sehr stark, obwohl sich ihre direkte Umgebung sehr voneinander unterscheidet. Die Entwicklung moderner Kommunikationsmedien trägt dazu bei, dass ich in kürzester Zeit mit ganz unterschiedlichen Menschen und Ideen in Kontakt kommen kann. Ich kann tief geprägt sein von einer Kultur (oder mehreren Kulturen), die nicht meiner Nationalität entspricht – die Literatur benutzt dafür den Begriff „kultureller Mischling“.

Ein „deutsches“ Beispiel: als Slawistik-Studentin fühle ich mich in der russischen Literatur entschieden mehr zu Hause als in der deutschen; mein Mitbewohner ist ein spanischer Punk, außerdem beschäftige ich mich intensiv mit dem Buddhismus und höre seit langem am liebsten argentinischen Tango. So banal dies klingt, all diese Aspekte „vervielfältigen“ meine Identität, in mir vernetzen sich (meist) widerspruchsfrei die unterschiedlichsten Prägungen und Bezugssysteme.

Transkultur versteht sich wesentlich als ein inklusives, integrierendes Konzept – wenn ich mir meiner vielfältigen kulturellen Prägungen bewusst bin, finde ich eine Vielzahl von Kom-munikationsmöglichkeiten mit anderen (spielt auch Fußball wie ich, hat auch Geschwister usw). Es werden Gemeinsamkeiten statt Unterschiede gesucht, die eine gute Basis für ge-meinsame Kommunikation schaffen. Ein Aspekt wie z.B. Religion wird dann nicht generalisierend betrachtet, sondern in seiner individuellen Ausprägung. Vielleicht bin ich als gläubiger Christ aus Bulgarien mit einem gläubigen Moslem aus Tadschikistan ja stärker verbunden als mit einem deutschen Atheisten.

Das Konzept der Transkultur – und das ist Chance und Herausforderung zugleich – ist gekennzeichet durch „hohe Individualisierung und Differenzierung. Die Differenzierungen folgen jedoch nicht mehr geographischen oder nationalen Vorgaben, sondern kulturellen Austauschprozessen.“

[Bearbeiten] Grundannahmen: Spinne ich oder er ...???

Missverständnisse lassen sich beim besten Willen nicht vermeiden, wenn Menschen mit-einander in Kontakt kommen oder gar zusammen arbeiten. Die Realität sehen wir dabei immer durch die Brille unserer eigenen Prägungen. Was ich für sehr höflich halte (z.B. ei-nen Gast immer und überall zu begleiten und einzuladen), kann jemand, der nicht daran gewöhnt ist, als sehr unangenehm und einschränkend empfinden.

Auch in Seminaren kommen Teilnehmer aus verschiedenen Ländern, Schichten, Studien-gängen, Minderheiten, Geschlechtern etc. zusammen, ein ausreichendes Potenzial für Miss-verständnisse also.

Bevor wir es uns nun ganz einfach machen und den anderen einfach als „typische“ Kroatin, Tschechin usw. abstempeln, sollten wir uns klar machen, dass bei jeder Begegnung auch andere Faktoren eine Rolle spielen, die sich gegenseitig beeinflussen. Es gibt die äußere Situation (Begegnung an der Uni, im Cafe, im Stress auf der Straße ...)und die individuelle Person (selbstbewusst oder schüchtern oder ...) mit ihren verschiedenen kulturellen Prä-gungen (Kleinstadtbewohner, Einzelkind, Studium in Russland ...).

[Bearbeiten] Kultur ist nicht alles: Person – Gruppe - Situation/Umgebung

Um verschiedene Wahrnehmungsmuster und Verhaltensweisen auch in eurem Projektteam zu analysieren, können euch die folgenden Kulturdimensionen helfen.

[Bearbeiten] Umgang mit Zeit

Erledige ich gern viele Sachen parallel? Brauche ich einen genauen Zeitplan, um alles eins nach dem anderen zu erledigen? Bin ich gern eine halbe Stunde vor Abfahrt am Zug oder komme ich eine Minute vorher? Wie gehe ich mit Verspätungen und Verzögerungen um? Wofür nehme ich mir überhaupt Zeit?

[Bearbeiten] Umgang mit Raum

Wie nah kann mir der andere kommen, bevor ich mich unwohl fühle? Wie steht es mit Berührungen, Umarmungen usw.? Brauche ich ein Zimmer für mich oder schlafe ich auch im Mehrbettzimmer (und wie sehen das meine Teilnehmenden)?

[Bearbeiten] Explizit versus implizit

Ist das, was ich sage, auch das, was ich meine? Und sagt mein Teammitglied wirklich das, was es denkt oder will? Frage ich z.B. als Gastgeberin: „Hast du Hunger?“, gibt es zwei Möglichkeiten. Eine explizite Antwort: „Oh ja, ich esse gern eine Kleinigkeit, danke schön“. Vielleicht höre ich aber auch: „Nein, danke, mir geht es gut“. Explizit gemeint, hat mein Gast tatsächlich keinen Hunger. Implizit gemeint, erwartet er aber von mir, dass ich ihn noch einmal frage oder ihm trotz der Antwort etwas zu essen mache – ein weites Feld für verschiedenste Interpretationen und Missverständnisse.

[Bearbeiten] Individuell versus kollektiv

Fühle ich mich eher in der Gruppe wohl? Organisiere ich alles gemeinsam und versuche, Harmonie zwischen allen Beteiligten herzustellen? Oder definiere ich mich eher als Indi-viduum? Setze ich meine eigenen Ziele und lege Wert darauf, dass man meine persönli-che Meinung wahrnimmt?

[Bearbeiten] Machtverteilung

Wie wird in der Gruppe Macht verteilt und wer hat was zu sagen? Sind alle gleichberechtigt und ausgewogen an Entscheidungen beteiligt? Oder gibt es eine Hauptperson, die die Entscheidungen trifft und Aufgaben verteilt? Wie reagiere ich, wenn das der Fall ist – akzeptiere ich das klaglos, ziehe ich mich zurück oder widerspreche ich?

[Bearbeiten] Orientierung auf die Aufgabe oder die Beziehung

Geht es mir bei der Durchführung des Projekts um das Ziel, das ich unbedingt erreichen möchte – z.B. einen tollen Film drehen? Ist die rechtzeitige Erledigung von Aufgaben für mich entscheidend? Oder sehe ich zuerst die Leute, mit denen ich unbedingt etwas ma-chen möchte? Ist mir wichtig, dass sich während des Projekts alle wohl fühlen und ak-zeptiere daher auch Planänderungen?

Bei diesen und weiteren Grundannahmen stehen wir meistens irgendwo zwischen den beiden Polen, haben aber unsere Präferenzen, die wir im Laufe der Zeit entwickelt haben. Jede Begegnung mit anderen Menschen sollte für uns ein Anstoß sein, sich dessen bewusst zu werden, wo wir selbst und wo die anderen stehen. Ohne die andere Position abzuwerten, können wir uns darüber austauschen und gemeinsam eine passende Lösung suchen – und lernen, dass Verhaltensweisen nicht vorrangig damit zu tun haben, aus welchem Land ich komme.

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