Interpretation

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Je mehr und andauernder man miteinander kommuniziert, desto mehr interpretiert man. Hält man es etwa am Anfang noch für notwendig, seine Kommunikation zu erläutern, so verzichtet man später häufig darauf. Die Selbstverständlichkeit nimmt zu. „Wir machen ein Projekt, das sich für den armenisch-aserbaidschanischen Dialog einsetzt. Wir machen das aus Überzeugung, nicht weil wir Geld dafür bekommen.“ Das muss man oft erst einmal sagen, damit man nicht mit anderen Projekt-Teams verwechselt wird – gerade in Umfeldern, in denen Ehrenamt nicht selbstverständlich ist. Später wissen alle Beteiligten, was gemeint ist. Das ist aber dann problematisch, wenn neue Menschen dazu kommen, die sich fragen, ob das Team nicht vielleicht Geld für seine Aktivität bekommt. In unserem internationalen Rahmen ist es besonders wichtig zu erwähnen, dass die Art und Weise der Interpretation vor allem von kulturellen Faktoren abhängt: Von Gewohnheiten und Konventionen, die man alltäglich nicht hinterfragt und die sehr stark auf unsere Identi-täten wirken. So könnte man erfahren haben, dass „Nordkoreaner nicht mögen, über persönliche Dinge zu reden.“ Aber wie verhalte ich mich dann bei der ersten Begegnung mit einer Nordkoreanerin? Hilft mir das Wissen? Stimmt es überhaupt? Einerseits ist modellhaftes Wissen über die Kultur der anderen hilfreich, weil es uns ermöglicht, uns in der Komplexität der Welt zurechtzufinden, andererseits hilft in der Situation nur eine eigene Meinung.

[Bearbeiten] Vier Seiten einer Nachricht

Das sehr häufig verwendete Kommunikationsmodell „Vier Seiten einer Nachricht“ stellt dar, nach welchem Muster die Interpretation von Kommunikation im Kopf der Beteiligten erfolgt. Friedemann Schulz von Thun geht davon aus, dass mit jeder Nachricht vier unterschiedliche Arten von Information übermittelt werden. Bildhaft kann man sagen, dass jeder Mensch auf vier verschiedene Arten spricht und hört:

  • Sachinhalt

Da ist zunächst der transportierte Sachinhalt. Was man meistens für den Kern der Botschaft hält, sieht Schulz von Thun als nur einen von vier Aspekten an: Peter geht ins Kino.

  • Beziehung

Mit jedem Kommunikationsakt sagen die Beteiligten etwas über ihre Beziehung, das WIR. „Ich gehe ins Kino“ kann verstanden werden als „WIR stehen uns nahe und du könntest mitkommen.“ Andererseits auch als simple Mitteilung, dass man für die Person ab 19:00 Uhr nicht mehr erreichbar sein wird: „WIR sind Kollegen, ich gehe aber nicht mit dir ins Kino.“ Oder sogar als Signal des Streits: „…Ich heißt heute nicht wir.“

  • Selbstoffenbarung

Als drittes nennt Schulz von Thun die „Selbstoffenbarung“. Sie unterscheidet sich von der Beziehungsebene dadurch, dass man nur etwas über sich selbst mitteilt: „Ich bin müde.“ Oder „Ich freue mich auf den Feierabend.“ Oder: Ich möchte dich gerne einladen.“

  • Appell

Als viertes steckt in jeder Nachricht ein Appell: „Bitte komm mit.“ Oder: „Gönn mir ein wenig Privatvergnügen und sorg dafür, dass ich nach 19:00 Uhr nicht erreichbar bin.“ Oder: „Ich will Dich heute nicht mehr sehen.“

Das Beispiel zeigt, wie wenig relevant die von uns immer für sehr wichtig gehaltene Sachebene sein kann. Denn ob es warm oder kalt im Zimmer ist, ob das Fenster offen oder geschlossen ist, spielt für das Verstehen keine Rolle. Das Wörtchen „bitte“ veranschaulicht das sehr gut: Das Wort „bitte“ ist nicht als Bitte zu verstehen, sondern reine Konvention. In diesem Fall dominiert die Beziehungsebene in der ausgesandten Nachricht.

Man kann es auch anders lesen. Das zweite Beispiel zeigt eine ganz andere Interpretation des gleichen Satzes in einem veränderten Rahmen.

Missverständnisse entstehen laut diesem Modell vor allem dann, wenn die Kommunikationspartner sich auf verschiedene Aspekte konzentrieren.

[Bearbeiten] Sprache ohne Worte: Körpersprache

Sprache wird oft auf das Verbale reduziert. Nur in Extremsituationen fällt uns das Nonverbale auf: Der rot angelaufene brüllende Trainer am Spielfeldrand oder der langsame Augenaufschlag, der alles sagt. Tatsächlich spielt die Körpersprache eine gleichwertige Rolle. Das zeigt schon das Beispiel mit dem Fenster: Mit dem Wissen über Tonfall und Körpersprache könnten wir die Situation viel besser einordnen und könnten sie vielleicht auch ohne Worte verstehen. Körpersprache ist auch in verschiedenen sozialen und kulturellen Umfeldern unterschiedlich. Und wenn der Empfänger einer Nachricht nicht weiß, wie er ein Zeichen richtig dekodieren bzw. interpretieren soll, wird es zu Missverständnissen kommen.

[Bearbeiten] Habitus: Die Grammatik des Sozialen

Körpersprache, gesprochene Sprache, die Einbettung der Kommunikation in einen bestimmten kulturellen Kontext fügen sich in ihrer Gesamtheit zu einer komplexen Präsentation eines Menschen: Zu seiner „Art“ oder seiner „Ausstrahlung“. Soziologische Forschungen betonen die Wichtigkeit dieses „Habitus’“. Er entscheidet in sehr vielen Fällen darüber, ob Personen miteinander kommunizieren und arbeiten wollen und wie sie miteinander kommunizieren - „die Chemie stimmt“. Pierre Bourdieu führt diese „Chemie“ auf die gesellschaftliche Struktur zurück. Man wird in seiner „Art“ also nicht geboren, sondern in ihr bildet sich die „Grammatik des Sozialen“ ab: Der Habitus einer Person ermöglicht es, ihren gesellschaftlichen Status und Rang zu bestimmen.

Im besten Fall funktioniert das auch, ohne es direkt zu sagen: zwei Anthropologen werden sich auf einem Unternehmerkongress wahrscheinlich an der Sprache, an den Assoziationen, der Auswahl des Essens auf dem Buffet oder an der Kleidung erkennen. Der Habitus prägt sehr stark auch unseren Kommunikationsstil. Um sich genauer vorstellen zu können, wie man von anderen gesehen wird, wie eigene Worte bei anderen ankommen, muss man sich seines eigenen Habitus bewusst werden. Denn man wird ganzheitlich gesehen, jede Handlung und Aussage wird dem Habitus zugeordnet.

[Bearbeiten] Literatur

Bourdieu, Pierre : Die feinen Unterschiede – Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft; Frankfurt a. M. 1982

Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander Reden. 1: Störungen und Klärungen. Reinbek bei Hamburg 1981

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